Warum nach “komplex” “einfach” kommt

komplex und elegegant in einem FraktalMyTaxi ist eine recht einfache App und Geschäftsmodell. Auf den ersten Blick. Für den Anwender simpel und intuitiv zu verstehen. Im Hintergrund laufen aber hochgradig komplexe Prozesse ab. Das interessiert den Anwender aber nicht. Muss es auch nicht. Ähnlich ist es bei Amazon: Eine unüberschaubare Vielfalt an Produkten (von Büchern und Zahnpasta-Abos bis Apps und Filmen zum Download) von unzähligen Anbietern. Auch hier ist das dem Kunden egal – er sucht sein Produkt aus, bezahlt und wartet auf die Lieferung. Was in den Logistikzentren passiert und wie Amazon mit den Lieferanten und anderen Anbietern abrechnet, interessiert nicht.

Apple ist mit der Einfachheit der Anwendung bekannt geworden: Die iDevices funktionieren einfach und intuitiv. Und so konnte Apple ganze Branchen – von Musik bis Telefon – umkrempeln. Mit – aus Kundensicht – einfachen Geschäftsmodellen und Produkten.

Eleganz im Geschäftsmodell: Simpel für den Kunden, komplex in der Abwicklung

Es gibt aber auch unzählige andere Beispiele von Produkten und Geschäftsmodellen. Solche, die wenig komplex, dafür aber auch nicht sehr elegant sind. Wie etwa Tanken (ohne Mineralölkonzernen oder Tankstellenpächtern zu nahe treten zu wollen). Lässt man die ganzen Nebenleistungen wie den Tankstellenshop und die Fahrzeugwäsche weg, so bleiben 3-4 verschiedene Kraftstoffarten, die in großen Mengen eingekauft und in kleinen wieder verkauft werden. Punkt.

Andere sind sehr komplex und überhaupt nicht kundenfreundlich. Versicherungen zum Beispiel – ein Produkt, welches man eigentlich gar nicht nutzen will (wer will schon krank sein?) und eigentlich auch gar nicht richtig versteht (oder hast Du schon mal das ganze Kleingedruckte gelesen?)

In der folgenden Darstellung ist das nochmal verdeutlicht:

  1. dumme” Geschäftsmodelle/Produkte sind wenig komplex und wenig elegant
  2. In der nächsten Entwicklungsstufe wird ein Geschäftsmodell/Produkt komplexer – aus Anbieter-, aber auch aus Kundensicht. Meistens wird es dann verwirrend.
  3. Nur wenige Unternehmen schaffen es, die Komplexität für den Kunden dann wieder so zu reduzieren, dass es ein echt elegantes Geschäftsmodell/Produkt ist

Achensdiagramm mit komplexen und eleganten Geschäftsmodellen

Produkte starten immer einfach und werden dann schnell komplex. Und dann müssen sie wieder einfach werden.

 Warum “simpel” erstrebenswert ist?

Unternehmen sollten danach streben, ihr Geschäftsmodell bzw. ihr Produkt so weiterzuentwickeln, dass es für den Kunden so einfach wie möglich ist – simpel eben.

Warum?

  1. Unternehmen wollen Produkte verkaufen. Je einfacher es für den Kunden ist, um so freudiger und mehr kauft er. Und es führt zu einer kognitiven Nachkaufdissonanzreduktion (mein Lieblingswort 😉 )
  2. Höhere Kundenzufriedenheit und Kundenbindung. Wenn es für den Kunden einfach ist, ist er glücklich.
  3. Höhere Preise: Kunden sind bereit, für die Simplizität mehr zu zahlen und Deine Anstrengungen zu honorieren. Wie sonst lässt es sich erklären, dass Apple die iPhones für das Doppelte bis Dreifache des Preises von Wettbewerbsprodukten verkaufen kann?
  4. Aufbau von Markteintrittsbarrieren: Es ist unbestritten enorm schwierig, elegante und simple Geschäftsmodelle und Produkte zu entwickeln (daher können es ja nur wenige Unternehmen) – das hält Wettbewerber auf Distanz und hält neue Player davon ab, einen Fuß in die Branche zu setzen.

Groupon, eine Internetplattform, die es Restaurants, Fitnessstudios und anderen (Dienstleistungs-) Unternehmen ermöglicht, besondere Deals und Gutscheine anzubieten (und damit temporäre oder saisonale Nachfragerückgänge zu kompensieren oder die Bekanntheit zu steigern), hat nach eigenen Angaben 5.000 bis 10.000 Nachahmer (gehabt) – so wurde es auf einem Vortrag mal kommuniziert. Auch wenn es mit der Profitabilität eher mau aussieht, ist Groupon dennoch der Platzhirsch bei den Gutscheinanbietern. Weil, so meinen sie, das Produkt und Geschäftsmodell für alle Beteiligten (Anbieter und Kunden) einfach und intuitiv ist – im Hintergrund dazu jedoch jede Menge passieren muss und es damit nicht so einfach kopierbar wird.

Wie geht “elegant”?

Die Gretchenfrage ist also: wie wird mein Produkt – trotz aller Komplexität im Inneren – einfach und elegant?

Mit Thomas Alva Edison:

Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration

  • Denken vom Kunden her: Was eigentlich für jedes Unternehmen selbstverständlich sein sollte, gilt hier in besonderem Maße – alles, was Du machst und entscheidest, musst Du aus den Augen eines Kunden betrachten.
  • Du musst es wollen und jeder einzelnen Mitarbeiter in Deinem Unternehmen muss es wollen
  • Die besten Mitarbeiter der Branche müssen in Deinem Unternehmen sein
  • Ihr müsst bereit sein, jeden Tag die “extra Meile” zu gehen und Euch nicht mit der erstbesten Lösung zufrieden zugeben
  • Auch nicht mit der zweiten oder dritten Lösung. Und das gilt für jedes Detail im Produkt und jeden Schritt im Geschäftsprozess.
  • Und Du brauchst Investoren (bzw. ein Management), welches bereit ist, viel Geld in die Produktentwicklung zu stecken – die Aussicht auf kurzfristige niedrige Gewinne muss der Risikobereitschaft mit der Chance auf höhere zukünftige Gewinne geopfert werden.

Fazit: Es ist in großen Teilen eine Frage der Denkhaltung des Managements und jedes einzelnen Mitarbeiters sowie der Unternehmensphilosophie, ob man sein Produkt und sein Unternehmen simpel und elegant bauen kann.

Was denkst Du? Kann jedes Unternehmen “elegant” werden?
Über Christoph (185 Posts)

betreibt Marktding.de. Ausserdem ist er B2B-Marketer und Stratege mit einer Vorliebe für Wachstumsstrategien und der Entwicklung und Vermarktung von Dienstleistungen und technischen Produkten. Sein besonderes Faible gilt der Entwicklung von produktbegleitenden Dienstleistungen. Mehr über Christoph hier im Blog.


Zuletzt aktualisiert am 08.02.2015

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2 Responses to Warum nach “komplex” “einfach” kommt

  1. Verena Czerny 6. Januar 2015 at 08:50 #

    Das Pendel ist in Bewegung: Auf einfach folgt komplex, auf Chaos wieder Ordnung.
    Einfachheit bedeutet also auch Balance, damit das Pendel nicht so weit ausschlägt.
    Ich lasse den Zierrat weg, bis ein Produkt sichtbar wird, das einfach ist, simpel, klar, elegant.
    Vielen Dank für diesen inspirierenden Artikel! http://www.clever-change.de/

    • Christoph 6. Januar 2015 at 09:10 #

      Hallo Verena,
      freut mich, dass es Dir gefällt!
      Liebe Grüße
      Christoph

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